Einmal Wildnis und zurück

04.02.2016 Bergpost News
Hanwag ProTeam-Mitglied Martin Hülle macht sich auf in die Einsamkeit. Im Spätherbst dreht er eine Runde durch den Urho-Kekkonen-Nationalpark im Norden Finnlands. Ein Reisebericht.

An der Grenze zu Russland erstreckt sich die Saariselkä-Wildnis – eingebettet in den UrhoKekkonen-Nationalpark. Mächtige Fjells, riesige Sümpfe und märchenhafte Waldgebiete zeichnen die Region aus. Eine nordische Natur, deren Lockruf ich nicht widerstehen kann. Ende September breche ich in Kiilopää auf, wo der finnische Ski-LanglaufVerein Suomen Latu ein Besucherzentrum samt Hotel, Café und kleinem Laden errichtet hat.

Die Zeit der Ruska, die im Herbst im finnischen Norden einsetzende Verfärbung von Bäumen und Sträuchern, ist schon fast vorbei. Leider, denn zu gerne hätte ich diesen Höhepunkt des Jahres, wenn nach der Zeit der hellen Sommernächte und vor Einbruch der Polarnacht die Farben der Natur explodieren, in vollen Zügen erlebt. Spät im Jahr ist das meiste schon kahl und zu allem Überfluss deckt ein erster Wintereinbruch im Nu ein weißes Mäntelchen über die Landschaft. Zum Start stapfe ich teils knöcheltief durch frischen Schnee. Das fängt ja mal gut an, denke ich mir, als ich in südöstliche Richtung losmarschiere und den letzten Vorposten der Zivilisation hinter mir zurücklasse.

Zelt oder Autiotupa oder Varaustupa?


Für ein kurzes Stück führt der Pfad am ersten Tag oberhalb der Baumgrenze entlang. Sie liegt hier gerade mal auf 400 Metern Höhe. Schneeflocken wirbeln um meine Nase. Bleiern ist der Himmel. Nichts wie weiter und wieder ein Stück hinab und entlang des Flusses Suomujoki zur zweigeteilten Suomunruoktu-Hütte. Auf der einen Seite befindet sich der offene Teil, die Autiotupa, auf der anderen der Mietteil der Hütte, die Varaustupa. Ich mache es mir in der Autiotupa bequem – nach zelten steht mir bei diesem Wetter nicht gerade der Sinn. Das denken sich auch andere und im Laufe des Abends machen noch weitere Wanderer hier Station. Alle sind auf dem Rückweg nach Kiilopää. Kaum einer läuft kurz vor Einbruch des Winters noch tief hinein in die Wildnis.

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer vor der Hütte minus drei Grad an. Brrr. Da ich keine Eile habe, lasse ich mir viel Zeit. Ich genieße noch einen heißen Tee, bevor ich warm eingepackt tiefer in die Natur eindringe. Schnee wie Zuckerguss liegt auf dem Boden und klebt an den Bäumen. Die Sümpfe rund um die Salonlampi-Seen sind bereits gut zugefroren. Nur der nahe Suomujoki plätschert in vielen Schleifen und Windungen noch munter dahin. Hier ist er ein zahmes Flüsschen, weiter flussabwärts nimmt er an Fahrt auf.

Die Ruhe der lieblichen Landschaft steckt an. Ich lege an einem Rastplatz kurzzeitig die Beine hoch. Als mir die Kälte in die Glieder kriecht und mich zum Weiterlaufen auffordert, begegnen mir zwei Wanderinnen. Noch ahne ich nicht, dass mir ihre Spuren sehr hilfreich sein werden. Ich verlasse die Basiszone des Nationalparks mit ihren markierten Wegen und trete ein in die Saariselkä-Wildniszone. Ab hier muss man selber sehen, wie man zurechtkommt und seinen Weg aufspüren. Doch der Pfad, dem ich von nun an über einen Bergrücken folge, verliert sich rasch im Wald. Je höher ich komme, desto mehr wird er vom Schnee bedeckt – bis ich ihn fast gar nicht mehr erkenne.

 


Als ich den Luirojärvi-See erreiche, wird es wieder wärmer. Der Schnee tropft nass von den Bäumen. Eine graue Wolkendecke überspannt die triste Bergwelt. Es riecht nach Regen. In der Rajankämppä-Autiotupa richte ich mein Basislager ein für eine schnelle Besteigung des baumlosen Sokosti, des höchsten Berges in Ostfinnland. Diese 718 Meter hohe Geröllhalde möchte ich mir nicht entgehen lassen und so erklimme ich den Gipfel trotz dichter Wolken. Gute 450 Höhenmeter geht es hinauf aufs kahle Haupt. Ohne genau erkennen zu können, wo es eigentlich lang geht, hangele ich mich irgendwie empor, bis ich am höchsten Punkt stehe. Nur wozu eigentlich? Die Sicht reicht bloß einen Steinwurf weit. Immerhin finde ich hinter einem Steinwall ein leidlich geschütztes Plätzchen für eine kurze Rast, in der ich mit kalten Fingern einen Riegel verschlinge, bevor ich wieder hinunter zum Seeufer laufe.

Dafür komme ich anderntags auf dem Weg nach Hammaskuru aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Pfad schlängelt sich durch den Wald und nach jeder Biegung offenbaren sich neue Eindrücke, die ich mit kindlicher Neugier aufsauge. Dichtes Nadelgehölz wechselt sich ab mit lichten Baumbeständen aus Kiefern und Birken. Hier und da durchdringen ein paar Sonnenstrahlen die Bäume und bringen die Flechten zu meinen Füßen zum Leuchten.

Nächtliche Ruhestörer


Nach einer ersten Zeltnacht und einer weiteren Etappe entlang des Anterinjoki erreiche ich die Anterinmukka-Hütte. Von hier liegt die russische Grenze nur noch wenige Kilometer entfernt. Ich habe den östlichsten Punkt meiner Wanderung erreicht, bin tief eingedrungen in diese urwüchsige Welt. Doch bevor ich mich wieder aufmache zurück gen Westen, bringt mich eine Maus um den wohlverdienten Schlaf. Weil die urige Hütte mit ihrem großen Balkon so einladend ist, ziehe ich sie dem Zelt vor. Doch in der Nacht werde ich immer wieder von Geraschel im Gebälk aufgeschreckt. Mit der Stirnlampe leuchte ich umher. Dann herrscht für eine Weile Stille, bis es wieder losgeht.

Obwohl mittlerweile all der Neuschnee wieder geschmolzen ist, fällt in sternenklaren Nächten die Temperatur weiterhin unter den Gefrierpunkt. Es gibt Angenehmeres, als morgens nur mit Latschen an den Füßen und hochgekrempelter Hose den eisigen Muorravaarakanjoki zu durchqueren. Eine Brücke gibt es an dieser Stelle nicht. Zum Glück ist das Wasser nicht tief. Dennoch bin ich froh, am anderen Ufer wieder in warme Socken und die Trekking-Schuhe zu schlüpfen und meine Wanderung hinauf in die Pirunportti fortzusetzen, die steinige Teufelsschlucht.

Via Sarvioja gelange ich zurück ins Tal des Suomujoki. Ab der Porttikoski-Hütte folge ich ihm flussaufwärts bis Kotaköngäs. Schließlich sage ich der idyllischen Gegend langsam Lebewohl, mache noch am See Rautulampi Station und genieße den Sonnenuntergang hinter dem Bergzug Raututunturit. Beseelt von all der erwanderten Schönheit laufe ich am letzten Tag bis Saariselkä, einer im späten Herbst ausgestorben wirkenden Ortschaft. Sie erwacht in erster Linie im Winter zum Leben. Mir aber war die Stille des Herbstes recht. Ganz in Ruhe durfte ich in diese abgeschiedene Welt eintauchen. Ob man wohl so wortkarg wird wie jene Finnen, die ich unterwegs traf, wenn man das oft erlebt?


Der Nationalpark


Der Urho-Kekkonen-Nationalpark ist in vier Zonen unterteilt: Die Basiszone, in der es markierte Wanderwege gibt und wo nur an ausgewiesenen Stellen gezeltet werden darf, sowie die Wildniszonen Saariselkä-, Nuortti- und Kemi-Sompio. Vorhandene Pfade sind dort nicht markiert, dafür ist Campieren nahezu überall erlaubt. Im Nationalpark gibt es zudem über zwei Dutzend Übernachtungshütten (meist im Abstand zwischen 8 und 20 km).
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