Frauenurlaub vertikal

01.06.2013 Blog Bergpost Yvonne Koch Charlotte "Charly" Gild Ursula Wolfgruber News
Drei Bergsteigerinnen aus dem Hanwag ProTeam unterwegs im Yosemite Nationalpark. Wenn Ursula Wolfgruber, Yvonne Koch und Charlotte Gild Urlaub machen, bleiben Strandtuch und Bikini daheim im Schrank. Dafür kommen Friends, Expressen und Seile mit in den Rucksack.

Es ist die perfekte Reisezeit, als Charlie und Yvonne Ende September in San Francisco landen. Mit Bahn, Bus und per Autostopp machen sich die beiden auf den Weg zum Yosemite National Park, dem unter Kletterern berühmtesten Nationalpark der USA. Dort wartet schon Ursi Wolfgruber auf die beiden. Dass die Drei sich gefunden haben, ist kein Zufall: Sie begeistern sich schon seit langem für den Bergsport, kommen aus Bayern und sind Mitglieder im Hanwag ProTeam.

Für ihre Zeit in Kalifornien haben sie sich einige Touren vorgenommen, Charlie und Yvonne planen unter anderem die bekannte Bigwall-Route „The Nose“. Sie bleiben länger als Ursi, die bereits seit drei Wochen mit ihrem Freund Patrick kletternd unterwegs ist. Zunächst stehen ein paar Tage Sportklettern auf dem Programm. Etwas einklettern macht durchaus Sinn, da Granit eine andere Klettertechnik erfordert als der Kalk in den Alpen Bayerns und Nordtirols. Anstatt kleiner Leisten und Fingerlöcher wollen hier vor allem diverse Rissklettertechniken beherrscht sein. Die hohe Reibung von Granit verspricht zwar meist ein sicheres Antreten, aber Übung ist trotzdem gefragt und es bedarf etwas Zeit, um sich an den Fels zu gewöhnen.

Die Drei machen sich an die Routen und stellen bald fest, dass im Yosemite die Schwierigkeiten „anders“ als in den Alpen sind. In den Routen im „Valley“ sind die Seilpartnerinnen im siebten Grad unterwegs (UIAA), im heimischen Kalk klettern sie normalerweise im achten und sogar im neunten Grad. „Da darfst du gar nicht erst anfangen zu vergleichen“, sagt Ursi, „sonst hast du gleich keine Lust mehr.“ Sie erzählt, dass sie das Rissklettern bereits in Utah und im italienischen Valle dell’ Orco gelernt hat und erklärt, wie es geht. „Du musst dich mit deinen Händen richtig in den Riss klemmen, dabei verschwindet schon mal die ganze Hand oder gar der Arm im Fels.“ Und die Beinarbeit hat es ebenfalls in sich: „Auch wenn eigentlich kein Tritt vorhanden ist – einfach fest antreten und vertrauen, dass es hält.“

In den kurzen Sportkletterrouten sind sie mit ihren normalen Kletterschuhen unterwegs. Bei Zustiegen und in den langen Bigwall-Touren setzen alle drei auf leichte Halbschuhe aus der ROCK-Linie von Hanwag, die sich neben weiteren Modellen bei ihnen im Dauertest befinden. Hier sind sie mit dem einem Badile Modell unterwegs...

Nachdem Ursi wieder in Richtung Heimat abgereist ist, geht es bei Yvonne und Charlie erst so richtig los. Sie haben sich die bekannte, 34 Seillängen lange Bigwall-Route „The Nose“ vorgenommen: Die wartet mit Schwierigkeiten bis 6+/ A2 und einer Länge von insgesamt 1.100 Metern auf. Sie planen die Tour in drei Tagen und wollen zwei Nächte im Fels übernachten. Ausgangspunkt ist der legendäre Campingplatz Camp 4.

Es ist der 10. Oktober und eigentlich sind Charlie und Yvonne startbereit, wäre das Wetter nicht ganz so Kalifornien-untypisch. Es ist kalt, neblig und zudem regnerisch. Egal, die beiden Bergsportlerinnen brechen frühmorgens auf und klettern die ersten vier Seillängen bis zum so genannten Sickle Ledge, um dort Fixseile für ihre Tour anzubringen. Dann seilen sie ab und gehen zurück ins Camp 4. Mit Hilfe der Fixseile können sie, wenn es am nächsten oder übernächsten Tag losgeht, diese Strecke nach oben „jumaren“. Das bedeutet, sie steigen mittels Seilklemmen am fixierten Seil auf und sparen so Zeit. Doch zunächst müssen sie im Camp 4 auf besseres Wetter warten. Am kommenden Tag regnet es kräftig, aber dank guter Wetteraussichten wollen sie am übernächsten Morgen aufbrechen…

Vertikale Rutschpartie

Bei leichtem Nieselregen stehen sie frühmorgens um vier Uhr auf. Die ersten vier Seillängen jumaren Charlie und Yvonne an ihrem Fixseil nach oben. In den nächsten Seillängen müssen die beiden viel technisch klettern, also unter Zuhilfenahme von Leitern nach oben steigen. Sie würden gerne mehr frei klettern, denn die Schwierigkeit stellt eigentlich kein Problem dar. Aber der Nieselregen und die kalte, feuchte Luft machen die Route zur ungemütlichen Rutschpartie.

In den technischen Passagen sind beide wieder mit ihrem Badile Low Lady GTX® unterwegs. Der leichte, sehr technische Halbschuh bietet dank seiner fußnahen Passform eine tolle Kraftübertragung. Außerdem sorgt die Climbing Zone an der Fußspitze für präzises Antreten am Fels. So eignet sich der Schuh auch für leichte Felsklettereien. Beim technischen Klettern beanspruchen die beiden Bergsteigerinnen vor allem die Sohle stark. Durch die aufwändige gezwickte Machart ist der Badile sehr robust und es besteht nicht die Gefahr, dass sich die Sohle während der Tour löst. Ist das Profil einmal „abgeklettert“, wird der Schuh einfach neu besohlt.

Nach insgesamt 14 Seillängen erreichen die beiden den El Cap Tower. Der etwas von der Wand abstehende Felspfeiler bietet genügend Platz für eine Übernachtung ohne Portaledge. Sie machen es sich hoch droben so gemütlich wie möglich und ruhen sich aus für den kommenden Tag – im 10.000-Sterne Hotel mit Blick über das Yosemite Valley.

Mittlerweile freuen sich die beiden sogar über das „schlechte Wetter“, denn es bringt einen großen Vorteil mit: Sie sind – neben einer spanischen Seilschaft – allein in der berühmten und daher sonst viel begangenen Route unterwegs.

Nicht wie geplant der Wecker, sondern strahlender Sonnenschein begrüßt die beiden Mädels am nächsten Morgen. Verschlafen! Eigentlich wollten sie vor den Spaniern lossteigen. Aber egal, sie genehmigen sich erst mal ein Frühstück, checken den weiteren Routenverlauf und packen zusammen.

An diesem zweiten Tag meistern die beiden elf Seillängen. Davon klettern sie einige Stellen frei, das meiste jedoch technisch. Am späten Nachmittag erreichen die Bergsteigerinnen planmäßig das zweite Übernachtungsdomizil, das Camp 5. Es befindet sich, wie in der vergangenen Nacht, auf
einem Felsband, auf dem Charlie und Yvonne genug Platz zum Schlafen finden. Dass es bequemere Betten gibt, steht außer Frage. Dass es kaum ein Bett mit besserer Aussicht gibt, aber auch! „Wenn du da oben in deinem Schlafsack liegst, den Ausblick und die Ruhe genießt, dann weißt du ganz genau, warum du da hochgeklettert bist“, erzählt Yvonne. „Da planst du in Gedanken schon die nächste Bigwall-Tour, obwohl du noch gar nicht oben bist.“

Echt amerikanisches Frühstück

Auch an Tag drei werden die beiden von Sonnenstrahlen geweckt. Sie freuen sich über Traumwetter und gönnen sich ein Cheddar Cheese-Erdnussbutter-Frühstück für den anstrengenden Tag. „Beim Essen haben wir echt gespart – an Gewicht meine ich“, erklärt Charlie, „wichtiger war das Trinken. Wir haben 24 Liter Wasser mit raufgeschleppt.“ Wasser, Essen, zwei Schlafsäcke und weitere Ausrüstung ziehen die Mädels in einem 70 Liter Haul Bag – einem großen, wasserdichten, extrem robusten Gepäcksack speziell für Bigwall-Touren – hinter sich her. Außerdem packen sie ihren gesamten Müll in die Haul Bags, um ihn wieder mitzunehmen. Denn eines ist klar: Was man in der Wand mit nach oben nimmt, muss auch wieder runter.

Das letzte Stück der Route führt in neun Seillängen nach oben zum Gipfel. Wieder wechseln die Kletterinnen zwischen dem technischen Stil und freiem Klettern. Problemlos meistern sie das letzte Drittel und erreichen am Nachmittag den Ausstieg.

Erschöpft, aber überglücklich stehen sie am Gipfel. Yvonne und Charlie erfüllen sich mit der „Nose“ einen Traum. „Oben haben wir dann erst mal eine lange Pause eingelegt und den Ausblick genossen“, erzählt Yvonne. „Dann haben wir unser Biwak aufgeschlagen. Den langen Abstieg wollten wir erst am nächsten Tag angehen.“

Am 15. Oktober erreichen sie nach vierstündigem Abstieg wieder das Camp 4. Erst mal duschen, denken sich die beiden, wobei das im Yosemite nicht so wichtig ist. „Being one with the dirt“, beschrieb Yosemite-Legende Dan Osman einmal das Leben in Camp 4. „Er hat vollkommen recht“, meint Charlie. Yvonne nickt zustimmend. Zu diesem Thema wollen wir keine Details wissen…

 


Kurzinterview mit den ProTeam-Bergsteigerinnen:

Wie seid ihr zum Bergsteigen gekommen? Wo liegen Eure alpinen Wurzeln?

Yvonne: Ich bin durch meine Eltern in das Outdoor-Leben reingewachsen.

Ursula: Ich habe auch mit meinen Eltern mit dem Bergsteigen angefangen. Familienurlaub bedeutete bei uns Wanderurlaub. Meine erste Skitour habe ich mit acht gemacht. Später war ich in der Jugendklettergruppe des DAV und fand dort Zugang zum ambitionierten Klettern.

Charlie: Da schließe ich mich an. Auch bei mir waren es die Eltern, später die Freunde und mein Wohnort Innsbruck. Irgendwann habe ich einfach gemerkt: das ist meins, das macht mich glücklich und ich möchte jetzt einfach Bergsteigen!

Den Begriff „Frauenbergsteigen“ hört man immer wieder. Was denkt ihr darüber?

Yvonne: Den Begriff kann ich ehrlich gesagt nicht mehr hören und er macht in meinen Augen keinen Sinn. Es spricht ja auch keiner von „Männerbergsteigen“.

Ursula: Ich kann damit auch nicht viel anfangen. Andererseits: es ist definitiv schon ein Unterschied, ob man mit einer Frau oder einem Mann unterwegs ist. Allein schon wegen der Gesprächsthemen...

Charlie: Stimmt! Wenn ich da an einen Moment in der Route „Moulin Rouge“ an der Rotwand mit euch denke. Da haben wir überlegt, ob jetzt Baumwoll- oder Synthetikunterhosen besser zum Klettern geeignet sind. Aber ganz generell: Frauenbergsteigen, Männerbergsteigen, Trans-Gender-Bergsteigen – macht das einen Unterschied? Für mich nicht!

Seid ihr denn lieber mit Frauen unterwegs?

Charlie: Ich bin sehr gern mit Frauen am Berg, aber nicht unbedingt lieber! Wichtiger ist mir, dass es Freunde sind, mit denen ich unterwegs bin und keine Bergsteigerzweckgemeinschaften.

Yvonne: Genau! Freunde müssen es sein, egal ob männlich oder weiblich. Es muss halt passen am Berg, von der Leistung her sowie auch von der Persönlichkeit. Es gibt sicher Frauen, die es super finden, wenn der männliche Bergpartner das Seil zum Einstieg schleppt. Für mich persönlich ist das eher unbefriedigend.

Ursula: Ja genau, es muss menschlich einfach stimmen!

Was sind Eure nächsten alpinen Projekte?

Yvonne: Im Herbst planen wir eine technische 6000er-Besteigung in Indien.

Ursula: Da bin ich auch mit dabei und natürlich werden wir davor noch die eine oder andere Vorbereitungs-Tour unternehmen.

Charlie: Genau: richtig lang und schwer geheim! 


Julia Englhart

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