Kaukasischer Schuhtest

14.05.2012 Blog Bergpost Joachim Stark News
4 Bergsteiger, 4 Schuhmodelle und ein Traumrevier. Im vergangenen Jahr verlegten vier befreundete Hanwag ProTeam-Mitglieder ihr alpines Schuh-Testrevier für drei Wochen in den wilden Osten.

Rund zwölf Stunden brauchen wir für die knapp 500 rumpeligen Kilometer von Tiflis bis nach Mestia. Es ist nicht nur eine Reise in die Berge, sondern zugleich ein Trip zurück ins Mittelalter – zumindest was den Straßenzustand und die Wehrturm-bestückten Dörfer im hintersten Swanetien betrifft. Aber auf dem Land wie in der Stadt ist eines gleich: die Gastfreundlichkeit der Menschen. Der Gast gilt – wie seit jeher und überall in Georgien – als von Gott gesandt. Sei es, weil es die Tradition so will oder weil der Georgier an sich ein geselliger und ehrenwerter Mensch ist. Und vielleicht auch ein bisschen, weil der Tourist Geld ins Land bringt und sich somit Tradition mit Ökonomie bestens kombinieren lässt.

Es ist erstaunlich, wie das Bild vom Kaukasus, das die meisten Leute bei uns im Kopf tragen, von der Realität abweicht. Natürlich war die Region bis vor Kurzem ein politischer Unruheherd und einige bestimmte Gebiete sind noch immer nicht wirklich stabil. Aber seine wilde, kriminelle Vergangenheit hat der Kaukasus und insbesondere Swanetien hinter sich: Mittlerweile finden Outdoorer, Wanderer und ambitionierte Bergsteiger hier ein Paradies. Eines, das – touristisch gesehen – noch in den Kinderschuhen steckt. Man kann tatsächlich von einem Geheimtipp sprechen – noch! Denn die Georgier haben bereits erkannt, welches touristische Potenzial ihr wildes Gebirge besitzt. Das Ziel unserer kleinen Hanwag-ProTeam-Expedition – bestehend aus Ursi, Ralf, Regine und mir – ist die Besteigung der Ushba, das 4.700-Meter hohe, doppelgipfelige „Matterhorn des Kaukasus“. Jetzt ist es Ende August und in den Tälern brütet die Hitze. Aus der Höhe grüßen dagegen die Eiskappen der Vier- und Fünftausender. Dort wollen wir hinauf, in den Rucksäcken schleppen wir alles mit, was man für eine mehrtägige Hochtour braucht: Kocher, Verpflegung, Seil, Pickel, Biwakzeug und Steigeisen. An den Füßen trage ich den Sirius GTX®, meine ProTeam-Kollegen sind mit dem Friction GTX® unterwegs.

 Die erste Tagesetappe führt durch klassisches Trekking-Gelände. Ein (sogar markierter!) Weg führt uns bis zum Gletscherbeginn. Danach geht es weglos durch Geröll und über die wasserzerfressene Eisfläche des Ushba-Gletschers zum ersten 

Lager. Bis hierher wäre der Trekkingschuh-Klassiker Alaska GTX® erste Wahl. Wer bei seiner Ushba-Tour am Ende des markierten Weges, unterhalb der Gletscherzone umdreht (bis hierher übrigens ein toller Tagesausflug!), der ist auch mit einem leichteren Trekking-Modell wie dem Tatra bestens unter
wegs. Während der Schneeschmelze im Frühjahr ist ein Modell mit Gore-Tex®-Ausstattung aber ein Muss, wie etwa der Altai GTX®. Die beiden Modelle der Kategorie ‚TREK’ sind leichter und noch angenehmer zu tragen als der Alaska GTX®, aber eben nicht so grandios robust.

Unser Schuhwerk aus den Kategorien ’ALPIN’ und ’ROCK’ wurde beim Zustieg noch nicht wirklich gefordert. Das ändert sich ab dem Biwakplatz. Oft sind Steigeisen gefragt – das Revier für echte Bergstiefel beginnt. Ursi und Regine tragen Prototypen der nächsten Generation des alpinen Allrounders Friction GTX®. Mit 820 Gramm wiegt er für seinen Einsatzbereich angenehm wenig. Er ist moderat isoliert und für Steigeisen mit Körbchen vorn und Kipphebel hinten konzipiert. So eignet er sich perfekt für alpine Klettereien im sommerlichen Hochgebirge mit hohem Fels- und Mixed-Anteil. Ralf klettert noch mit dem Vorgängermodell. Diesem liegt dasselbe Konzept zugrunde, in Punkto Stabilität und Vielseitigkeit kann es aber nicht mit der verbesserten Version mithalten. Das zeigt uns der direkte Vergleich. Ralf meint dazu: „Schnickschnack, das alte Modell ist doch top. Damit habe ich jetzt drei Bergsaisons unzählige Touren in den West- und Ostalpen gemacht. Problemlos! Na ja, aber den neuen Friction hätte ich trotzdem gern.“

 Alpines Schuhwerk für alpines Gelände

In ähnlichem Gelände mit Firnfeldern und Felsklettereien 1.500 Meter tiefer wäre der superleichte, agile Ferrata Combi GTX® die richtige Wahl. Nicht umsonst ist er der Bestseller unter den technischen Bergschuhen bei Hanwag. Aber hier, bei Mehrtagestouren im hohen Kaukasus auf über 4.000 Metern Höhe, inmitten von Gletschern und brüchigen Felsflanken, mit Neuschnee und dicken Minusgraden auch im Sommer, sollte man keine Kompromisse eingehen. Insofern ließen wir beim Ausflug nach Georgien die „Light and Fast“-Modelle daheim im Schrank.

Ich habe ein schwereres Gerät als die anderen im Einsatz: Der Sirius GTX® ist ein Alpinstiefel mit einem festem Leder als Obermaterial. An diesen Stiefel können dank seiner steifen Sohle Steigeisen mit Frontbügel montiert werden. Da der Schaft nicht so hoch ist wie beim „Flaggschuh“ der ‚ALPIN’-Flotte, dem Omega, ist der Sirius etwas flexibler und nicht ganz so warm: ein großartiger Drei-Jahreszeiten-Hochgebirgsstiefel. Mit dem Sirius GTX® habe ich bereits bei einer mehrwöchigen Berg- und Trekking-Reise im Himalaya sehr gute Erfahrungen gemacht. Bis 6.300 Meter Höhe ging ich alles mit dem Sirius, erst darüber kamen meine klobigen Expeditionsstiefel zum Einsatz. Wer mehr Wert auf Haltbarkeit als auf Gewicht legt und Steigeisen mit Frontbügel benutzen möchte, wird den Sirius GTX® lieben!

 Rückzug nach Tiflis

Leider war uns der Gipfel nicht vergönnt: Eine Gewitternacht
genügte, um den Traum vom Gipfel unter Neuschnee begraben zu müssen. Das Wetter hatte die ordentlichen Eisverhältnisse im Gletscherbruch und in der Gipfeleisflanke zunichte und eine Besteigung zu einem unkalkulierbar gefährlichen Risiko gemacht. Spalten versteckten sich unter trügerischem Neuschnee, das Vorwärtsstapfen im teils knietiefen Neuschnee zehrt an den Kräften, und riesige, windgepresste Schneeschollen segeln durch die Wand talwärts. Zeit, um die miesen Bedingungen zwei oder drei Tage lang auszusitzen, haben wir leider nicht mehr übrig. Trotzdem: Die Erlebnisse in den Tagen am Berg waren teils grausig, teils atemberaubend schön und in jedem Fall beeindruckend! Die verbleibenden zwei Tage nutzen wir, um in Tiflis und Umgebung kulturelle und kulinarische Eindrücke zu sammeln. Zu sehen gibt es in Georgien genug. Natur und Kultur lassen sich hervorragend unter einen Hut bringen. Und für Outdoor-Sportler ist Georgien ein Paradies, egal ob man im Hochgebirge klettert, im Kleinen Kaukasus (etwa im Borjomi Nationalpark) trekkt oder durch die Felsenklöster Wardsia oder Dawid Garedscha wandert. 

 Joachim Stark

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