Hochtourendurchquerung im Wallis

23.09.2013 Michael Stacheder
Es ist 9.00 Uhr morgens. Ein Sonntag und es gießt aus Kübeln … Abfahrt ins Wallis - in die Berge und ins schöne Wetter.

Mein Spaghetti-Tagebuch

... Kaum auf Schweizer Boden scheint einem auch schon die Sonne ins Gesicht, ein kleiner Vorbote auf das, was der Wettergott für uns diese Woche bereit hält.

Schon bei der ersten Akklimatisationtour auf das Alllalinhorn ist das Wetter besser als erwartet und so stiefeln wir im Gänsemarsch gemütlichen Schrittes Richtung Gipfel. Trotz des langsamen Tempos merke ich die Höhe, das Herz klopft, der Kopf ist leicht schummrig und die Schritte kommen nicht so energiegeladen wie sonst. Aber keiner in unserer kleinen Gruppe hat wirkliche Probleme mit der Höhe und so ziehen wir auf dem eingespurten Weg gen Gipfelkreuz. Das Gipfelvergnügen wärd leider nur kurz, da uns der Wind kräftig um die Ohren saust und nicht unbedingt zum längeren Verweilen einlädt. Schon auf dem Weg nach unten wird klar, dass alle motiviert für die nächsten Tage sind und so geht es flott hinab zur Bergstation und zum verdienten Cappuccino in Saas Fee.

Eine Dusche, eine Nacht, ein leckeres Abendessen und ein kräftigendes Frühstück später geht es los, wir lassen den Luxus und das Hotel Bergfreund hinter uns und starten Richtung Spaghettirunde. Den Packinstruktion vom Benno Folge geleistet, hat jeder nur das Nötigste für die nächsten 5 Tage Höhenwandern im Rucksack dabei (ziemliche Auslegungssache, wie ich feststellen musste..Ipod / Ohrstöpsel = definitiv essentiell !!!). Nach einer kleinen Irrfahrt und Umleitung der Gondelmitarbeiter gelangen wir zur Bergstation beim Klein Matterhorn, schnallen schnell die Gurte und Steigeisen an und reihen uns in den Bergsteigerzug, der zum Breithorn führt, ein. Die Sonne scheint und es ist kaum eine Wolke zu sehen – Traumwetter für den ersten 4000 der Spaghettirunde. Der erste Gipfelgrat birgt auch schon koordinative Herausforderungen: Gegenverkehr auf einem gut zwei Fuß breiten Weg! Rückwärts in die Flanke ausweichen…gute Einstimmung auf was die nächsten Tage noch auf uns zu kommen sollte.
Die Rifugio Guide della Val d`Ayas war restlos ausgebucht und so war Kojen-Kuscheln angesagt. Als dann um Punkt 4 Uhr das Licht anging, war dem gefühlten Minutenschlaf ein Ende gesetzt und die nächste Etappe konnte beginnen. Schon von der Hütte weg blies uns eine kräftige Brise um die Ohren und je näher wir unserem Ziel, dem Castor kommen desto kräftiger wurden die Böen. Als wir dann zusehen durfte wie eine deutlich überforderte spanische Seilschaft am langen Seil in der Aufstiegsflanke ins Rutschen geriet, war klar, äußerste Vorsicht ist geboten. Die schönste Stelle des Tages war der Ausstieg auf den Gipfelgrat. Man pickelt sich kurz ein paar Meter in etwas steilerem Gelände durch den Schatten den (heiß ersehnten) wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Und kaum überklettert man die Kante will einen der Wind schon wieder in die schattige Flanke zurückschubsen. Aber ohne Erfolg. Mit Minitritten überqueren wir den ausgesetzten Gipfelgrat, die Gesichter fast vollständig in den Jacken verborgen. Ganz anders dann der Abstieg nach einem wärmenden Tee. In der geschützten Sonnenseite des Castor fallen die Hüllen und beschwingt von dem gerade erlebten zweiten 4000e laufen wir schon mittags auf dem Rifugio di Quintino Sella ein. Ein erholsamer Nachmittag mit gutem Cappuccino, Mittagsschläfchen und Sonnenbaden lädt die Energiereserven für die nächsten Tage wieder auf.

Die nächste Etappe beginnt mit Sonnenaufgang. In der ersten Morgenröte queren wir unter beeindruckenden Seracs den Gletscher zum dritten 4000er, dem Il Naso. Der technisch wohl anspruchvollste Aufstieg erwartet uns. In der anfänglichen Felspassage ist leichte Kletterei und geschicktes Ausweichen gefragt. Denn von den oberen Seilschaften werden wir mit kleinen Eisbrocken beschossen. Nach kurzer Wartezeit entschließt sich der Benno noch eine dritte Parallelspur durch die Eisflanke zu eröffnen. Und so ziehen wir flott in Eisklettermanier an den Seilschaften vorbei. Beim Standplatz und im flacheren Gelände angekommen, müssen alle erstmal tief durchatmen und die brennenden Wadeln lockern. Puh- geschafft. Jetzt kann der gemütliche Teil kommen. Nach den letzten Metern Aufstieg und Querung des Grates hält der Naso einen herrlichen Rastplatz zum Verweilen am Gipfel für uns bereit. Wir bewundern den mächtigen Liskamm hinter uns und die Gipfel der nächsten Tage, die sich gegenüber aus dem Gletscher erheben. Das wunderbare Wetter schenkt uns zudem beste Fernsicht – der Gran Paradiso, das Montblanc Massiv..Berge wohin das Auge blickt. Ein kleiner Höhepunkt wartet heute noch auf uns. Die Vincentpyramide soll den Tag schön abrunden. Langsam schwinden die Kräfte. Der anstrengende Aufstieg auf den Naso macht sich bemerkbar. Nach einer leicht aber stetig steigenden Querung ist ein Teil der Gruppe konditionell erschöpft und so kommt die stärkende Pause auf dem Sattel vor der Vincentpyramide mehr als gerufen. Der kurze Anstieg auf den Gipfel ist danach für keinen mehr ein Problem und die vorherigen Mühen sind bei der Aussicht und dem Erfolgsgefühl schnell vergessen.

An der Mantova Hütte angekommen, müssen wir unsere von der Sonne erhitzten Gemüter mit einem erfrischenden Radler abkühlen und auf die erfolgreichen Besteigungen der bisherigen 4000er anstoßen. In der neurenovierte Hütte lässt es sich bei Wein und Cappuccino auf der Sonnenterrasse und im Gästebereich bis spät abends gut beisammensitzen. Mit kniffligen Kartentricks versucht der Helmut uns nach den körperlichen Herausforderungen auch geistig zu fordern. Unser Bergführer, der Benno, hat auch hier die Nase vorn und zeigt sich als passionierter Knobelmeister, der manchmal bewusst und manchmal zufällig die Tricks schnell durchschaut. (Zum Frust mancher Teilnehmerin!)

Guter Dinge starten wir am nächsten Morgen wieder früh. Heute sammeln auf dem Weg zur Cabanna Magherita, der höchsten Hütte der Alpen auf 4500m, gleich mehrere 4000er Gipfel ein. Wie auch ein paar Tage zuvor, weht wieder ein stärkerer Wind, der uns das Leben nicht unbedingt leichter macht. Von der Höhe, der langsamen Regeneration und den Vortagen geschwächt, fällt unserer Truppe der Aufstieg zur Biwakschachtel am Balmenhorn deutlich schwerer. Erleichtert kehren wir nach kurzem Klettersteig in die geschützte Hütte ein und widmen uns erstmal einem zweiten Frühstück. Anschließend werden die langen Unterhosen, und alles was sonst noch Wärme verspricht, übergestülpt und weiter geht’s auf das Corno Nero. Über die Ludwigshöhe erreichen wir nach einem kleinen Sprung über eine Geltscherspalte und erneutem Aufstieg die Parrotspitze. Auch hier pfeift uns der Wind um die Ohren und treibt uns auf dem Grat weiter Richtung Etappenziel Signalkuppe. Das Einhalten der Seilabstände wird bei den unterschiedlichen Konditionslagen für die Gruppe zur finalen Herausforderung und alle sind erleichtert als wir in der ausgesetzten Hütte die Steigeisen abschnallen und Rucksäcke ablegen dürfen. Wir haben es geschafft: wir stehen auf dem höchsten Punkt der Woche und haben bereits zehn Viertausender in der Tasche. Unser Grande Finale unterstreicht auch das Wetter: nach starkem Föhn beschert uns der Wettergott noch einen atemberaubenden Sonnenuntergang, der das Matterhorn und den Lyskamm im Wolkenmeer rot herausblitzen lässt. Einfach gigantisch!

Der letzte Tag ist der Abstiegstag. Bevor es gute 2700 Höhenmeter bergab geht, steigen wir noch auf die nahe gelegene Zumsteinspitze auf, um ein letztes Mal das morgendliche Bergpanorama in goldenem Licht und die freie Sicht in die Monte Rosa Ostwand zu genießen. Danach führt uns der Weg über den Grenzgletscher entlang des angeleuchteten Lyskamms talabwärts. Hier erwarten uns im Spaltenlabyrinth noch ein paar kurze Sprünge sowie unerwartete größere (mutige) Querungen. Einen gebrochenen Stock, eine aufgeschnittene Hand, einen blauen Zeh später, erreichen wir die futuristische Monte Rosa Hütte und essen das erste Mal auf der Spaghettirunde tatsächlich Spaghetti Bolognese. Die letzten Meter über Gletschereis, Leitern und Wanderweg zur Gornergratbahn eröffnen uns ein letztes herrliches Bergpanorama mit Matterhorn und Breithorn, welches die Bilder der Woche und das Geleistete im Kopf Revue passieren lässt. Zurück in Zermatt sind alle erleichtert, glücklich und tiefbeeindruckt von einer Woche schönster aber auch anstrengender Aufstiege und Gipfel. Mit 11 Viertausender im Gepäck treten wir alle die Heimreise an und freuen uns auf den wohlverdienten Tag am See.

 

Agnes Pildner

www.mountain-elements.com

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