Nach einer anstrengenden Rückreise mit sechs Stunden Aufenthalt in Abu Dhabi, einer schlaflosen Nacht und ausgiebigem Weißwurschtfrühstück mit lecker und viel Weißbier konnte ich mich bei guter Haushamer Bergluft unter weißblauem Himmel wieder einigermaßen regenerieren. Dass man sich auf über fünfeinhalbtausend Metern nicht mehr vollständig erholen kann, merke ich beim Blick auf die Waage und in den Spiegel. Meine Höhentauglichkeit ist zur Zeit top, ansonsten sind für die Wiederherstellung meiner sportlichen Physis ein paar Klettereinheiten extra nötig…
Der Trek vom Makalu Basecamp über die Ice Cols nach Chukung und über Dingboche und Namche Bazar hinaus nach Lukla war ein absolutes Highlight. Nachdem uns am Makalu der Gipfel verwehrt blieb, fieberten wir förmlich der Tour über die sogenannten Ice Cols entgegen: East Col (6100 m), West Col (6100 m) und Amphu Labtsa (5780 m) sind nicht einfach nur “Pässe”, wie wir dachten; es sind wilde, steile, schotterige Fels- und Eisrinnen, die bergsteigerisch einiges fordern und einigermaßen gute Nerven voraussetzen.
Nach Abbau der Zelte im Basislager und Verpacken der Ausrüstung (die mit Trägern auf dem regulären Weg nach Tumlingtar zurück ging) standen wir plötzlich ungewohnt “nackt” da: Jeder hatte seinen Rucksack nur mit dem Nötigsten bepackt: Zelt, Kocher, Minimalverpflegung, Schlafsack, Steigeisen, Pickel, Seil, Kamera. Ein gutes Gefühl.
Verabschieden von Luis, Joe und Alix, die ein paar Tage später noch einmal den Gipfel versuchen wollten. Leider gibt’s bis heute morgen (28.5.2010) keine Nachricht von ihnen; ob sie wohl den Gipfel “geknackt” haben? Mittlerweile haben drei Mitglieder der französischen Expedition (unterstützt von ein paar Sherpas) und einige von Arnold Costers Team auf der Normalroute sowie drei Ukrainer auf ihrer Hardcore-Route über die Südwestwand den Gipfel erreicht. Herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe, dass auch bei unseren Kollegen alles klar ging.
Unser Weg führte zunächst nicht hoch, sondern runter. Vom ABC geht es zum Schutt übersäten Barun Gletscher auf 5200 und auf der anderen Talseite durch die Seitenmoräne mit vertikalem Schotter und fliegenden Steinen hinauf Richtung East Col. Vor der nächsten Gletscherzunge befindet sich ein toller Lagerplatz mit Blick zurück auf den messerscharfen Westgrat des Makalu. Leider ist es wie überall: Wo Menschen (vor allem kommerzielle Trekkinggruppen und Sherpas) sind, sieht es aus wie auf einer Müllhalde. Na ja, die gefundenen Metalltische immerhin machen das Frühstück am nächsten Morgen sehr bequem.

Lager, hinten links der Makalu
Über den Gletscher seilen wir an. Als Führender verschwinde ich ein paar Mal bis zur Hüfte in einer Spalte. Aber das ist kein Problem, bei sechs Leuten Sicherheit hinter mir bleibt der Adrenalinspiegel aber im Keller. Als wir den Wandfuß am East Col erreichen, sind wir uns nicht sicher: Da sollen wir hoch? Und wie zur Bestätigung der Zweifel rumpelt es und Steine fliegen durch die Aufstiegsrinne. Also Abstand, einer schaut, einer rennt. Weiter oben kann ich einem fußballgroßen Brocken gerade noch ausweichen. Aber alles geht gut, nach einer halben Stunde sind wir höher als alles lose Geröll. Gebetsfahnen bringen Farbe in die grau-weiße Hochgebirgsszenerie.

Steffi auf dem East Col

Blick zum Makalu vom East Col
50 Meter Abseilerei bringt uns auf das Gletscherplateau, das uns in gerader Linie in 45 Minuten vorbei am Baruntse zum West Col führt. Wir erklimmen die kleine Felsmauer am Ende des Gletschers (natürlich wehen wieder Gebetsfahnen im Wind) und blicken auf der anderen Seite in eine wilde Schotterrinne hinab. Klaus übernimmt als alter Bergwachtler die Führung und wir seilen ab. Ab der Hälfte steigen Artur und ich zu Fuß ab und ich finde einen kletterbaren Weg nach unten. Die anderen seilen weiter ab und Klaus richtet die Stände ein (wo zum Henker hat der Kerl in diesem losen Bruchhaufen Stand gemacht???). Das frisst Zeit. Als wir schließlich über den Gletscher wandern, kommt Nebel auf, was die Orientierung nicht eben erleichtert. Kurz bevor es dunkel wird, finden wir auf einer alten Moräne endlich einen Weg, der seinen Namen verdient hat: Seit über fünf Wochen hatten wir kein so planes Gelände mehr unter den Füßen (von Gletschereis einmal abgesehen) und wir rennen förmlich durch die Nacht Richtung Lagerplatz an einem romantischen See.

Rast zwischen Hunku Gletscher und Amphu Labtsa
Der nächste Tag bringt traumhaftes Trekkinggelände: ein guter Weg, mit Steinmännern markiert, in einer völlig abgeschiedenen Gegend. Der Aufstieg zum Amphu Labtsa ist die Steigerung des bisherigen: Wir entdecken weit oben einen Steinmann und halten darauf zu. Dass keine Spuren mehr zu erkennen sind, gibt uns zwar zu denken, aber da ist ja dieser Steinmann… den wir nach einer wilden Klettereinlage an losen Riesenblöcken unter gigantischen Eiswasserfällen und einer plattigen Querung, die Artur vorsteigender Weise mit Seil überwindet, auch erreichen. Weiter über losen Schotter, der gottseidank liegen bleibt und sich nicht auf die senkrechten Abbrüche unter uns zu bewegt, erreichen wir den Pass. Später erfahren wir, dass sich die eigentliche Route weiter links befindet und über riesige und nicht minder wilde Eisterrassen führt. Und unser Steinmann? Ein Scherz, wer Böses dabei denkt…

Aufstieg zum Amphu Labtsa

Abseilen am Amphu Labtsa
Von oben blickt man schon fast in die Zivilisation: 30 Meter abseilen und dann geht’s nur noch runter und raus. Auf guten Wegen halten wir direkt auf den Lhotse zu. Ein kleiner Hügel duckt sich vor der Riesenmauer des 8000ers: Der Island Peak. Schon lustig: Die Pässe, über die wir kamen, sind genau so hoch wie dieser bekannte Gipfel. Aber jetzt geht’s abwärts, auf dem Weg nach Chukung unterschreiten wir das erste Mal seit über fünf Wochen die 5000-Meter-Marke; die Luft wird wieder dick, mit jedem Meter tiefer kehrt die Energie zurück.

Island Peak vor Lhotse
In Chukung checken wir in einer Lodge ein und feiern wir den erfolgreichen Abschluss der Unternehmung. Das Bier schmeckt grandios, der Blick auf die Ama Dablam weckt Bergsteigerträume und die Aussicht auf zwei Tage gemütliches Wandern stimmt fröhlich. Geographische Gipfel haben wir zwar keine erreicht, physische und mentale Höhepunkte gab’s aber genug. Und rückblickend immer wieder die Erkenntnis: Alle sind gesund, das ist mehr wert als alle Gipfel zusammen.

In Chukung, hinten die Ama Dablam

Beginn der Kultur: Glückliche Kühe
Die letzten zwei Tage entlang des “Everest Trail” sind zunächst ganz schön, werden aber zunehmend langweilig. In den letzten fünf Jahren hat der Tourismus das Tal fester in seinen Würgegriff genommen. Ab Dingboche gibt es nur noch “Restaurants”, Cybercafes und mehr Lodges als Besucher. Alles ist verdammt teuer, eine Flasche billiges Wasser kostet 200 Rupees. Um hier als Tourist zu überleben, braucht man mindestens 10-15 Euro pro Tag. Steffi, die vor ein paar Jahren hier war, ist völlig konsterniert von der Entwicklung. Aber so ist der Lauf der Dinge; den Leuten kann man es kaum verübeln, wenn sie versuchen, daraus Profit zu schlagen.

Ausdruck einer Kultur: Die Augen Buddhas

Klaus dreht die Gebetsmühlen

Freundliche Menschen (fast) überall

Mehr Menschen, bessere Wege

Terrassenfeldbau bei Namche Bazar
Auf der ganzen Tour hatten wir bestes Wetter. Als wir am Nachmittag schließlich in Lukla eintreffen und bei einem Bier im Hotel sitzen, fängt es an zu regnen. Am Makalu hat uns das Wetter einen Streich gespielt; aber Ätsch, am Ende wenigstens konnten wir dem Wetter ein Schnippchen schlagen
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