Immer nur in Richtung Norden

20.08.2013 Blog Bergpost Simon Michalowicz News
Simon Michalowicz ist ein Kind der achtziger Jahre und wird mehr und mehr von Fernweh geplagt. Irgendwann entscheidet er sich, dem Arbeitsalltag einfach mal den Rücken zu kehren und zu einem Abenteuer der besonderen Art aufzubrechen.

Am Leuchtturm in Lindesnes steht ein altes Straßenschild. Es steht schon etwas schief, die Schrift ist aber nach wie vor gut zu lesen: Nordkapp 2518 Kilometer. Der Tag am südlichsten Punkt von Norwegen ist kalt und verregnet. Langsam aber sicher verschwinden die Rücklichter des letzten Autos im Nebel. Simon Michalowicz steht am Anfang seines großen Marsches in den hohen Norden. Er erinnert sich genau an diesen Moment: „Ich habe mich gefühlt wie ein ausgesetzter Hund, einfach komplett hilflos“. So beschreibt er den Beginn seiner Wanderung, die ihn einmal komplett durch Norwegen bis hin zum nördlichsten Punkt Skandinaviens, dem Nordkap, führen wird.

Bisher haben sich nur wenige Menschen an die Trekking-Route „Norge på langs“ herangetraut. Tatsächlich existiert sie fast nur als Mythos. Selbst im allwissenden Internet braucht man seine Zeit bis man erste Verweise, Blogeinträge oder Literatur zu dieser Strecke findet. Vielleicht macht gerade das den besonderen Reiz aus. „Norge på langs“ bedeutet so viel wie „Norwegen der Länge nach“ und ist eher eine lose Routenbeschreibung, als eine festgelegte Trekking-Route. „Die Idee dabei ist, ohne Guidebook vom südlichsten Punkt bis zum Nordkap zu wandern. Aber man ist völlig frei in der Wahl des Weges“, erklärt Simon, der schon immer ein Faible für den hohen Norden hatte. „Man kann den Trek absolut individuell planen, Kartenmaterial und ein Kompass sind aber unabdingbar“. Inspiriert wurde Simon durch ein Buch von Björn Klauer, einem Deutschen, der vor vielen Jahren nach Norwegen auswanderte, heute eine Schlittenhundefarm in Innset betreibt und selbst neben vielen anderen Expeditionen genau wie Simon Norwegen zu Fuß durchwandert hat. Seitdem existiert der Plan.

Ein klares Ziel, Überzeugung, sowie Respekt vor der Natur

Was muss man für ein Typ Mensch sein, um sich dieses gewaltige Ziel zu setzen? Über 2500 Kilometer zu Fuß durch unwegsames Gelände. Diese Frage beantwortet Simon in seinem Blog, den er von unterwegs aus führt: „Ich bin weit davon entfernt ein krasser Abenteurer zu sein. Ich kann nicht mal gut mit Karte und Kompass umgehen und wähle manchmal den falschen Platz zum Zelt aufbauen. Aber man wächst natürlich mit der Aufgabe und man lernt immer dazu. Ich habe ein klares Ziel vor Augen und bin von dem, was ich mache, absolut überzeugt. Auch eine Portion Demut und Respekt vor der Natur sind nicht verkehrt.“ Es war genau diese Einstellung, die Simon fast ein halbes Jahr lang durchhalten ließ. Er weiß aber auch, dass es eine sehr gute Idee war, einen mehrwöchigen Testlauf zu machen: „Nach ein paar Tagen wusste ich, dass ich gut eine lange Zeit mit mir alleine verbringen kann – sonst hätte ich die ganze Geschichte vergessen können. Dieser Test war gut und wichtig.“.

Am 27. Mai 2013 startet Simon in Lindesnes. Sein Weg führt ihn kontinuierlich in Richtung Norden, oftmals ist er mitten im Nichts der norwegischen Wildnis und ganz auf sich alleine gestellt. Simon bringt viel Erfahrung mit: Er hat in einem Outdoor-Laden gearbeitet, weiß also ganz genau, welche Ausrüstung er benötigt und was er zu Hause lassen kann. Bereits im Vorfeld hat er sich mehrere Versorgungsstationen auf seinem Weg in den Norden eingeplant. Er lässt sich zu bestimmten Zeitpunkten seine „Care-Pakete“ zu Poststationen, Jugendherbergen und Touristenämtern schicken. Damit deckt er seinen Bedarf an neuer Tüten-Nahrung und sonstiger Ausrüstung. „Ich konnte ja aus Gewichtsgründen gar nicht das gesamte Kartenmaterial oder Futter auf einmal im Rucksack mitnehmen“.

Wie wichtig gute Karten sind, muss er einmal schmerzlich erfahren, als die Post ein Versorgungspaket irgendwo auf dem Weg zwischen einer Freundin, die ihn von Süd-Norwegen aus mit Nachschub versorgt und der Wildnis verliert: „Ich musste die 80 Kilometer zwischen dem Nationalpark Reisadalen und der Stadt Alta ohne wirkliche Orientierung mit Papierkarten meistern. Das war schon ein einschüchterndes Gefühl.“

Von den Norwegern lernen

Was ihm hilft, ist die gelassene norwegische Art an Probleme heranzugehen. Von den Norwegern, die er auf dem Weg trifft, lernt er viele wichtige Dinge, die ihm helfen. Ein typisch norwegischer Ausspruch wird sogar zum Motto der Reise: „Det ordner seg“. Frei übersetzt heißt das so viel wie „das wird schon alles werden“, „das klappt schon“. Auf einer Tour dieser Art kann man sich beim besten Willen nicht darauf verlassen, dass die Pläne, die man zu Hause auf dem Sofa gesponnen hat, aufgehen. Aber das müssen sie auch gar nicht – denn: „Det ordner seg“. Wo ein Weg endet, dort tut sich ein anderer auf.

Wenn man Simon nach dem einprägsamsten Erlebnis seiner Reise fragt, erzählt er die Geschichte vom Nordlicht. Zwei oder drei Mal hat er, während er schon weit oben im Norden unterwegs ist, das Glück das gewaltige Naturspektakel zu beobachten. „Ich habe eine Stunde lang wie gebannt vor dem Zelt gesessen, bis mich die Kälte dazu gezwungen hat wieder in den Schlafsack zu schlüpfen“, erzählt er. „Ich weiß immer noch nicht, wie ich das Gefühl beschreiben soll, aber es war einfach gigantisch. Es ist sehr hell, und das Nordlicht zieht dich komplett in seinen Bann“.

Nach beinahe 140 Tagen unterwegs hat Simon Anfang Oktober 2013 sein Ziel fast erreicht. Nur noch ein paar Kilometer bis zum Nordkap liegen vor ihm. Langsam aber sicher kommt er wieder in der Realität an. Wie bereits erwartet ist das Nordkap total „vertouristisiert“, weit weg von skandinavischer Wildnisromantik. Der emotionale Moment bleibt zwischen den Menschenmassen, die aus Bustüren hervorquellen komplett aus. Aber das stört ihn nicht. Diesen emotionalen Moment erfuhr Simon bereits vor vielen Tagen, als er mitten in der Wildnis den Polarkreis überquerte. Außerdem war der Weg hierhin das eigentliche Ziel. Plötzlich ist alles vorbei. Simon tritt die erste Etappe seiner Heimreise auf einem Schiff der Hurtigruten-Linie an und hält dort ganz spontan den ersten Vortrag über das vergangene halbe Jahr vor einem begeisterten Publikum.

Wie wirkt ein halbes Jahr unterwegs sein auf den Menschen?

Zurückblickend stellt Simon Michalowicz heute fest: „Anfangs meinte ich, dass die Wanderung mich nicht so sehr verändert hätte, aber mein Umfeld und viele mit denen ich sprach, sagten mir da etwas anderes. Doch, ich bin anders geworden, vor allem viel gelassener. So gelassen, dass es mein direktes Umfeld manchmal sogar etwas verwirrt. Das Leben in der Natur ist ganz anders und viel langsamer. Man ist mehr auf das Essentielle, das wirklich Wichtige konzentriert. In allererster Linie müssen die Grundbedürfnisse befriedigt werden. Alles, was im normalen Leben selbstverständlich erscheint – essen, trinken und schlafen – erfordert Eigeninitiative und oft Kompromissbereitschaft.“

Zurück im Alltag wirken viele Dinge dadurch einfach nicht mehr so problematisch, wie sie Simon früher erschienen. Angebliche Probleme erscheinen plötzlich komplett banal. „Du musst insgesamt einen guten Plan haben. Aber Plan B und C sollten schon vorgedacht sein“. Er hat viel gelernt in dem halben Jahr: „Es ist spannend, dabei zuzuschauen, wie man sich selber verändert, wie man an Selbstvertrauen gewinnt und einfach anders nach Hause kommt“. Tatsächlich ist das „Ankommen“ ein langwieriger Prozess. Man ist nicht einfach so wieder zu Hause und macht weiter, wie als wäre man nie unterwegs gewesen. Simon fällt es schwer, sich wieder in den urbanen Alltagstrubel zu stürzen und dessen Hektik hinzunehmen. Der Unterschied ist einfach zu groß: Fast ein halbes Jahr „friluftsliv“ gehen nicht einfach so an einem Menschen vorüber. Aber Simon ist zuversichtlich und er ist gelassen. Das hat er in Norwegen gelernt: „Det ordner seg“. 

 

Christian Wittig

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