Non Stop über die Alpen

30.10.2012 Blog Bergpost Thorsten Hoyer News
Nonstop über die Alpen. Eine Strecke, für die „normale“ Wanderer sechs Tage brauchen, geht er am Stück: Thorsten Hoyer wanderte in 48,5 Stunden von Oberstdorf in Bayern bis Vernagt in Südtirol – nonstop über die Alpen!

Ein Weitwanderer ist einer, der auf weiten Strecken, wie beispielsweise dem traditionellen Rennsteig, dem fast 300 Kilometer langen Westweg oder dem weltberühmten Jakobsweg unterwegs ist. Und doch unterscheidet sich Weitwanderer Thorsten Hoyer sehr von seinen Gesinnungsgenossen. Denn der 44-jährige Hesse geht Weitwanderwege an einem Stück. Bereits etliche Male knackte er die 100-Kilometer-Marke. Ein Abenteuer der besonderen Art war sein Nonstop-Alpencross auf dem Fernwanderweg E5 vom bayerischen Oberstdorf bis Vernagt kurz vor Meran. Dabei legte er über 120 Kilometer und fast 13.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zurück.

Startschuss mit Regenguss

Grau in Grau ist der Himmel über dem Allgäu am Morgen des Aufbruchs und farblich so ganz anders als auf den Plakaten, welche die Urlaubsregion so erfolgreich bewerben. Dichter Regen prasselt in die sattgrüne Berglandschaft. Thorsten Hoyer ist das nicht nur egal, sondern sogar ganz recht. „Lieber mal ein Schauer als brütende Hitze“, erklärt er und fügt hinzu: „Außerdem sind dann nicht so viele Leute unterwegs.“

Es ist 7.30 Uhr morgens als er seine Mammut-Tour startet und Recht behält: Keine Menschenseele verirrt sich bei dem Schnürlregen frühmorgens auf den Fernwanderweg E5 – möge dieser auch noch so bekannt und beliebt sein. Trotz Regenhose und -jacke ist Thorsten schon nach kurzer Zeit völlig durchnässt. Ein Zustand, den der Wanderprofi zu ignorieren versucht: „Wenn du richtig nass bist, kannst du wenigstens nicht noch nässer werden.“ Stoisch setzt er einen Fuß vor den anderen. Auch wer ihn nicht kennt, erkennt zumindest eines: Der Mann hat ein Ziel vor Augen!

Nach etwa vier Stunden erreicht er die Kemptener Hütte. Für viele E5-Alpenüberquerer stellt sie bereits das erste Tagesetappenziel dar. Nicht für Thorsten. Ein kurzer Blick zur Hütte, ein Gruß und weiter geht es per pedes in Richtung Italien. An seinen Füßen trägt der Extremwanderer den Trekking-Schuh Altai GTX®...

Gegen 15 Uhr lässt der Regen nach. Endlich. Der Himmel ähnelt von Minute zu Minute mehr den Allgäuer Werbeplakaten. Dafür wird der Weg immer anspruchsvoller. Steil führt der Pfad hinauf zur Memminger Hütte in den Lechtaler Alpen. Mehr als 13 Stunden ist Thorsten jetzt unterwegs und 42 Kilometer hat er geschafft, als die Hütte in Sichtweite kommt. Obwohl es schon fast dunkel ist, erkennt er sie aus der Ferne. Mit Neuschnee überzuckert liegt sie auf 2242 Metern Höhe. Hier hat es also nicht nur geregnet…

Thorsten gönnt sich eine kurze Pause mit Tee und Schokolade und betont dabei Mantra-artig, wie wichtig es ist, es sich unterwegs bloß nicht gemütlich zu machen. Seinen Altai GTX® behält er an, nur die Jacke kommt kurz zum Trocknen an den warmen Kamin. Während die anderen Gäste mehr und mehr in Hüttenabend-Laune verfallen, setzt Thorsten seinen Rucksack wieder auf, wünscht einen schönen Abend und macht sich unter fragenden Blicken auf nach draußen in die Dunkelheit.

Bergauf, bergab – Tag und Nacht

Die erste Nacht verläuft ruhig. Dank seines GPS-Geräts findet Thorsten trotz Schnee und Dunkelheit den richtigen Weg. Hochkonzentriert steigt er fast 2000 Höhenmeter ab. Der Weg ist schlammig. Jeden Schritt setzt er mit Bedacht. Das grobe Sohlenprofil seines Altai GTX® macht sich bezahlt. Thorsten freut sich, dass dank des GORE-TEX® Futters seine Füße warm und trocken bleiben.

Der Schneeregen lässt langsam nach, als Thorsten am Sonntag um fünf Uhr morgens den Ort Zams im Inntal erreicht. Eine kurze Trinkpause hat er sich verdient, bevor es – ausnahmsweise – mit der Seilbahn und etlichen anderen E5-Wanderern hinauf auf den Venetberg geht. Sonnenstrahlen begrüßen ihn an der Bergstation und die Strapazen der Nacht sind vergessen.

Das nächste Etappenziel ist die Braunschweiger Hütte auf 2795 Metern am Ende des Pitztals. Thorsten wandert durch eine jungfräulich weiße Schneelandschaft, die er aber problemlos durchquert. Auf einem breiten Weg geht es weiter – durch das völlig verbaute Ötztaler Gletscherskigebiet – nach Geislach. Kurz vor Vent am Ende des Ötztals kündigt die Dämmerung nach bereits 40 Stunden und 110 Kilometern auf den Beinen die zweite schlaflose Nacht an. Der Weitwanderer ist erschöpft, trotzdem geht er beharrlich Schritt für Schritt weiter. Die Müdigkeit zwingt Thorsten dazu, sein Tempo zu verlangsamen und zum ersten Mal auf dem E5 benötigt er etwas länger als die Zeitangabe, die auf den kleinen gelben Wegschildern steht.

In der Martin-Busch-Hütte legt er eine Pause im Trockenraum ein. Kurz vor dem Morgengrauen überquert Thorsten die Grenze nach Italien und erreicht die Similaunhütte auf 3019 Metern. Alle Aufstiegshöhenmeter – knapp 6500 – liegen hinter ihm. Ab der Hütte trennen ihn von seinem Ziel Vernagt jetzt „nur“ noch 1200 Höhenmeter talabwärts.

Endspurt im Schneckentempo

Nach der kurzen, aber wohlverdienten Rast rafft er sich auf. Ein letztes Mal. Thorsten weiß, dass jetzt jeder Schritt sitzen muss, um bergab nicht auszurutschen oder umzuknicken. Gerade wegen der Erschöpfung ist höchste Konzentration gefragt. So verlangsamt der Wanderer lieber sein Tempo, denn die Unfallgefahr ist in diesem Zustand am größten. Sieben Stunden kalkuliert er großzügig bis zu seinem Ziel. Der Pfad ist steinig und abwechslungsreich. Thorsten sieht das positiv: Die Zeit vergeht schneller als auf breiten Wegen und so macht ihm der Steig trotz der Müdigkeit Spaß.

Um halb neun Uhr morgens, nach 48,5 Stunden, erreicht Thorsten Hoyer sein Ziel! Erschöpft, aber glücklich kommt er in das Südtiroler Dorf Vernagt – nonstop zu Fuß vom 120 Kilometer entfernten Oberstdorf! Ein einsamer Zieleinlauf.
Thorsten grinst. Geschafft.

 

 

Interview mit Thorsten Hoyer

 „Alpenüberquerung nonstop“ – mein erster Gedanke ist Bewunderung, mein zweiter die Frage nach dem „Warum“. Warum?

Eine gute Frage, deren Antwort auch mir nicht ganz klar ist (grinst)! Aber zunächst mal das Wichtigste: Es geht mir keineswegs um Rekorde, die sind kein Anreiz für mich. Meine Motivation klingt eher banal: Neugierde! Ich wollte wissen, ob eine Alpenüberquerung nonstop funktioniert. Lange Strecken hatte ich vorher schon geschafft, sie waren kein Problem. Nun versuchte ich, eine lange Strecke mit vielen Höhenmetern zu kombinieren.

Und wie war es?

Super! Es hat geklappt und großen Spaß gemacht, obwohl die Bedingungen nicht optimal waren.

Inwiefern waren die Bedingungen nicht gut?

Gestartet bin ich im strömenden Regen, der weiter oben für eine Schneelandschaft sorgte – und das im August! Ab der Memminger Hütte war der Weg verschneit, auf Höhe der Braunschweiger Hütte wurde der Schnee knietief und ich wusste nicht, ob ich durchkomme. Aber es funktionierte, das Wetter wurde wieder besser und die harten Passagen konnte ich schließlich gut meistern.

Hast du viele Pausen gemacht, bist du eingekehrt?

Auf meinen Touren mache ich nie richtig lange Pausen. Je länger und gemütlicher eine Pause ist, desto schwieriger ist es weiterzugehen. Die erste Pause beim Alpencross legte ich nach 14 Stunden ein, um zwei Tassen Tee zu trinken und einen Energieriegel zu essen. Wenn ich mehr essen würde, könnte ich mich nicht mehr aufraffen. Aber mein Körper kennt das schon und stellt beim Wandern das Hungergefühl ab.

Wie hältst du dich so lange wach?

Ich trinke weder Kaffee, noch nehme ich Wachmacher zu mir. Ich stelle mich einfach vorher auf die lange Wanderung ein. Dann ist das Wachbleiben kein Problem für mich, ich bin ja immer in Bewegung.

 Hand aufs Herz: Wie lange hat die Alpenüberquerung Spaß gemacht und wann begann die Qual?

(Lacht) Eine Qual war die Tour vor allem am Anfang, denn von Oberstdorf bis zur Kemptener Hütte hat es durchgeregnet. Alles war nass – ich ebenfalls und dadurch ehrlich gesagt schon ein bisschen fertig. Als sich das Wetter besserte, war alles prima. Vor allem die Nächte machten viel Spaß. Man muss sich gut auf den Weg konzentrieren, Fehltritte sind in den Bergen nicht erlaubt. Deshalb hatte ich nachts einen Begleiter. Der ist bei Dunkelheit absolut sicherheitsrelevant.

 Bist du lieber allein oder in der Gruppe unterwegs?

Bei richtig langen Wanderungen bin ich lieber allein unterwegs und ganz auf mich gestellt. Ansonsten gehe ich auch gerne in der Gruppe.

Hast du keine Langeweile, wenn du allein unterwegs bist?

Nein, wirklich gar nicht! Das liegt an der Natur. Es gibt so viel zu sehen, dass keine Langeweile aufkommt. Auf einem Laufband dagegen würde ich es keine zehn Kilometer aushalten.

Mit welchem Schuh bist du normalerweise unterwegs?

Meine beiden Standardmodelle sind der Tatra und der Altai GTX. Auf der Alpenüberquerung war ich mit dem Altai GTX sehr gut beraten. Er ist einerseits sehr stabil, aber doch flexibel und nicht zu schwer.

Wie lange hält ein Schuh bei dir?

Ich weiß nicht, wie viele Kilometer der Altai GTX bereits drauf hat. Beim Multifunktionsschuh Performance GTX wechselte ich nach stattlichen 2.500 Kilometern! Dank seiner gezwickten Machart konnte ich ihn neu besohlen lassen.

Du bist sicher nicht eines Morgens aufgewacht und dachtest: So, jetzt mach ich mal 200 Kilometer am Stück... Wie hat alles angefangen mit dem Wandern?

In der Schule habe ich die Wandertage gehasst! Später entdeckte ich das Reisen und fand heraus, dass man von einem Land am meisten kennenlernt, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Der Auslöser für meine Langstreckenwanderlust war eine Trekking-Reise nach Grönland im Jahr 1993. Seitdem bin ich viel gewandert, es wurde meine Leidenschaft. 2004 nahm ich zum ersten Mal an einer 24-Stunden-Wanderung teil. Danach wusste ich: da geht noch mehr! Als später die bereits genannte Neugierde dazukam, begann ich mit dem Langstreckenwandern. Ich hatte das große Glück, dieses intensive Hobby zu meinem Beruf machen zu können.

Welche weiteren Projekte hast du geplant?

Im kommenden Jahr geht es nach Albanien, um einen Wanderführer zu verfassen. Außerdem plane ich eine Trekking-Reise nach Nepal. Und „300 Kilometer nonstop“ ist auch noch ein Projekt, das auf meiner Agenda steht...

Text und Interview: Julia Englhart

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