Eiger Nordwand statt Vorlesung

16.07.2014 Blog Bergpost Yvonne Koch News
HANWAG ProTeam Mitglied Yvonne Koch beschließt spontan mit einer Freundin die Eiger Nordwand zu klettern.

„Was machst du von Dienstag bis Donnerstag?“ – mehr stand nicht  in Caro’s Mail, aber eigentlich war mir  sofort klar, um was es geht. Nicht so gut – eigentlich hätte ich Uni mit Anwesenheitspflicht, aber egal, es geht um die Berge... 

Am Dienstag Nachmittag sitze ich dann im Auto Richtung Schweizer Grenze, das Navi ist auf Grindelwald eingestellt. Das Wetter scheint mitzuspielen, die Verhältnisse am Berg sollten in Ordnung sein.

Am nächsten Morgen um kurz nach sechs nehmen Caro und ich die erste Bahn Richtung Jungfraujoch bis zur Station Eigergletscher. Irgendwann auf halber Strecke erzählt die freundliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher, dass man jetzt links die Nordwand des Eigers sieht. Auf drei Sprachen. 

Wir schaun nach links, alles weiß – vor lauter Nebel können wir nichts sehen. So viel Schnee hat es dann nun auch wieder nicht. Für den Vorbau hätten wir schon ganz gern mehr als zwei Meter Sicht. Kurz bevor wir aussteigen, sehen wir dann die Wand. Wir sind über den Wolken, die Sonne geht grad auf – so muss ein Start aussehen!

Wir deponieren unsere Ski etwas abseits der Sesselliftbergstation und machen uns an den Zustieg. Der ist nicht so lang, es gibt eine ausgetretene Spur, fast schon ein echtes Vergnügen. Schnell erreichen wir den Einstieg und machen uns gegen 9 Uhr erst mal noch ohne Seil an die Schneefelder und kurzen Felsstufen des Vorbaus. Bis kurz vor den „schwierigen Riss“ holen wir nur einmal für ca. zehn Meter das Seil raus. Ab hier sichern wir. Die kniffligeren Längen von Standplatz zu Standplatz, die Eisfelder gehen wir simultan. Die Bedingungen sind echt nicht schlecht, aber alles ist sehr trocken. Der Hinterstoisser-Quergang hat nur in den ersten zehn Metern Eis, der Eisschlauch zwischen erstem und zweitem Schneefeld ist kaum vorhanden. 

Als am späten Nachmittag die Sonne in die Wand kommt und es anfängt Steine zu regnen, sind wir aus dem zweiten Eisfeld schon längstens draußen und machen es uns mit den letzten Sonnenstrahlen im „Todesbiwak“ bequem. Bequem trifft es sogar wirklich. Wir teilen das für sechs Personen ausgeschaufelte Biwak nur mit einer britischen Seilschaft.

Schneeschmelzen, Essen aus der Tüte und ab in den Schlafsack. Wie immer haben Caro und ich nur einen Schlafsack für uns beide und nur eine halbe Z-Rest pro Person dabei. Und wie auch sonst ist es super gemütlich und warm, die Schuhe bleiben an den Füßen.

Am nächsten Morgen wollen wir gleich mit dem ersten Licht los, müssen aber mal wieder feststellen (wir lernen’s einfach nie), dass das im Biwak einfach länger braucht. Schneeschmelzen, Material am Gurt sortieren – die dafür eingeplante Zeitstunde war einfach zu optimistisch und die Engländer kommen deutlich vor uns los. Macht nix, am laufenden Seil über das dritte Eisfeld und rein in die Rampe, rein in den Stau. Hier wimmelt es gerade von Seilschaften, die heute erst eingestiegen sind und auf unsere englischen Kollegen aufgelaufen sind. Kurz gibt’s ein riesen Durcheinander, Überholen, Überholt werden… Aber schon beim Wasserfallkamin (in dem weit und breit kein tropfen Wasser zu sehen ist) hat sich die Situation schon wieder etwas entspannt. Allein sind wir zwar nicht, aber die Schweizer mit denen wir mehr oder weniger parallel klettern, haben auch keinen Stress und so funktioniert alles ganz gut.

Brüchiges Band, Brüchiger Riss (der heute gar nicht mal so brüchig ist), Götterquergang, Spinne, Quarzriss. Lauter namhafte, berühmte Stellen. Schwierig bzw. unangenehm sind heute aber eher die kurzen Felsaufschwünge zwischendurch.

In den Ausstiegsrissen laufen wir nochmal auf eine schottische Seilschaft auf, die sich mehr durch den Berg durchgräbt, als an ihm hochzuklettern. Aber auch die zwei können wir problemlos überholen. Noch bis zum Gipfeleisfeld rausgesichert (hier finden wir blankes Wassereis vor, dass selbst mit den besten Schuhen für Wadelkrämpfe sorgt) und dann über eine gute Firnspur hoch auf den Mittellegi-Grat. Von rechts sind wir gekommen, links geht es genauso steil wieder runter. Auf der einen Seite die Voralpen, auf der anderen liegt ausgebreitet vor uns das Berner Oberland. Unten Wolken, oben wir. Und vor uns der Sonnenuntergang. Um ca. halb sieben stehen wir auf dem Gipfel des Eigers, beide zum ersten Mal - wir freuen uns riesig. Man liest ja immer viel über Mythos und Tod und was nicht alles, aber heute hat einfach alles gepasst. Es war fast, wie jede lange andere Tour auch. Geschenkt kriegt man es natürlich nicht, ein Hexenwerk war es aber auch nicht. Und wie bei jeder anderen langen Tour ist der Abstieg das schlimmste. 1700 Höhenmeter durch meterweise wechselnden Bruchharsch bis zur Station Eigergletscher, ab dort mit den Skiern nochmal 1300 Höhenmeter über die Piste nach Grindelwald. Das gibt Muskelkater – aber der hat sich gelohnt.

Yvonne Koch

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